Siggi, Mitbewohnerin

Thursday, 18. december 2008 4 18 /12 /Dez. /2008 23:34


heute war ein obercooler Tag, den ich ungefähr in der Stimmung dieses Videos verbracht habe. Das ist Siggi. In ihrer Gegenwart entspannt sogar der größte Hektiker. Im Moment räuchert sie uns grad mit einem indischen Kraut ein, das die Geburt erleichtern soll. Wir haben Spaß.
von Anna
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Wednesday, 17. december 2008 3 17 /12 /Dez. /2008 21:20

Hammerhart !! Heute morgen torkle ich schlaftrunken aus meinem Zimmer und stolpere über einen riesigen Seesack ! SIGGI ist da, die Unglaubliche. Ist heute Nacht irgendwann angekommen und war extra leise, um uns nicht zu wecken. Jetzt war sie über drei Monate weg, und schleicht sich dann einfach so herein. Sie hat ja gemailt, dass sie kommt, aber so früh hätte ich noch nicht mit ihr gerechnet. Nicht zu Weihnachten jedenfalls.

 

Heute mittag haben wir uns mit Janina erstmal auf den Weihnachtsmarkt gerollt und tierisch viel Glühwein getrunken (Janina natürlich nicht). Ach war das wunderbar :-)) So einen wunderbaren Menschen trifft man selten, und was sie wieder alles erlebt hat...

 

Sie will "erstmal hierbleiben", das ist bei Siggi mehr, als man erwarten kann. Normalerweise hat sie immer schon Pläne, wenn sie zurückkommt. Ich schätze aber trotzdem, dass sie nach ein paar Wochen den Rappel bekommt und schneller wieder weg ist, als sie gekommen ist.

Sie wirkt irre beruhigend auf Janina. Wenn Siggi da ist, kann einem einfach nichts passieren. Sie hat ihre Hände auf den Bauch gelegt, ein paar unverständliche Sachen gemurmelt, es klang wie ein Rap.... und das Kind hat sich im Bauch beruhigt und aufgehört zu zappeln, so dass Janina schlafen konnte. Zur Zeit strampelt es nämlich immer dann, wenn sie hundemüde ist, und natürlich ist sie sehr oft müde. Siggi sagt, das wird ein ganz gesundes und kräftiges Kind, denn normalerweise haben die zum Schluß der Schwangerschaft gar keinen Platz mehr zum Herumzappeln. Und sie spürt das durch die Bauchdecke, dass das Kind kräftige Arme und Beine hat. Sie kennt sich damit aus. In ihrer Zeit in Afrika hat sie viel Geburtshilfe geleistet, da war sie bei Ärzte ohne Grenzen als Helferin dabei und hat sowohl mit den westlichen Ärzten als auch mit den "Ärzten" der Eingeborenen gearbeitet.

Jetzt bin ich auch etwas ruhiger, wenn die Geburt losgeht, wird wenigstens Siggi wissen was zu tun ist und den Kopf behalten. Die Möglichkeit, dass ich Weihnachten doch meine Schwester besuchen kann (bei der sich die ganze Familie trifft), rückt wieder ins Blickfeld. Ich bin zuversichtlich, dass sich alles irgendwie findet. Jens hat sich auch an unsere Vereinbarung gehalten  und sich heute nicht gemeldet.

von Anna
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Wednesday, 19. november 2008 3 19 /11 /Nov. /2008 23:01
Siggi. Die fabelhafte Siggi.

Siggi ist sowas wie die Mutter der WG. Sie ist 1986 hier eingezogen, damals in trauter WG mit zwei Freundinnen, die übrigens immer noch häufig zu Besuch kommen, wenn sie mal zuhause ist. Zu der Zeit bestand unsere WG nur aus der halben Größe, da die beiden Wohnungen noch nicht zusammengelegt waren. Siggi ist ein absoluter Freak. Sie ist 52, ein Alter, in dem "anständige" Frauen ja nicht mehr unbedingt in einer WG wohnen, wie sie selbst immer sagt. Ich glaub aber nicht, dass sie hier jemals ausziehen wird, jedenfalls nicht freiwillig.

Siggi ist ein absoluter Lebenskünstler. Ihr seht, ich habe nur Superlative für sie. Obwohl ich nicht so leben wollte, bewundere ich sie aus tiefstem Herzen. Siggi ist frei. Sie tut was sie will. Sie lebt wo sie will, mit wem sie will und wie lange oder kurz sie will. Nur um Missverständnissen vorzugreifen: stets vom eigenen Geld. Siggi geht zwar nicht einem so genannten geregelten Broterwerb nach, schafft es aber immer wieder auf die abgefahrensten Arten, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Mit Sicherheit hat sie noch nie auf Kosten anderer Leut oder des Staats gelebt, auch wenn das bestimmt viele annehmen. In finanziellen Belangen ist sie überaus korrekt, während sie sonst schon mal gerne alle fünfe grad sein lässt und sich nicht viel um die Meinungen Fremder schert.

Siggi hat Archäologie und Geschichte studiert und besitzt einen Doktortitel. Trotzdem kann es sein, dass sie ein halbes Jahr im Schlachthof malocht, wenn sie hier ist und Geld braucht. Sie findet sowas interessant und meint, schließlich sei nicht jeder so privilegiert, und man müsse auch mal die Arbeit von weniger hoch gebildeten Menschen tun, um ihnen dann wieder mit mehr Respekt zu begegnen. Nebenbei publiziert sie Fachartikel in Archäologiezeitschriften und wird häufig zitiert. Gelgentlich arbeitet sie an archäologischen Projekten mit, letztes Jahr hat sie z.B. unentgeltlich 7 Monate in Ägypten gebuddelt und die Basis dort geleitet und verwaltet. Siggi halt...

Siggi hat Freunde überall auf der Welt, was kein Wunder ist. Die schlagen dann gelegentlich hier auf, auch wenn sie nicht zuhause ist. Am Anfang war ich deswegen skeptisch, aber inzwischen weiß ich, dass Siggi nur Leute schickt, bei denen man bedenkenlos alle Türen offen lassen kann (was ich ja allein schon wegen Ralf - äh pardon: RAVE - nicht mache, aber das ist dann wieder ne andere Geschichte). Ihre Menschenkenntnis funktioniert intuitiv und unfehlbar. Als Jeff sich hier vorstellte, und ich ihn haben wollte, hat sie nur die Augen verdreht.

Optisch ist Siggi auf den ersten Blick unauffällig. Meistens ungeschminkt, ein eher dürres, hageres Männchen mit vielen Sonnen- und Lachfalten, mehr so der androgyne Typ mit Maushaaren. Ein Foto von ihr würde man vermutlich unachtsam beiseite legen. Sobald sie spricht, zieht sie aber unweigerlich jeden in ihren Bann. Ihre Stimme ist extrem tief und verraucht (sie raucht nicht), aber sie produziert sich nicht damit, sondern spricht sogar extrem leise. Sie hat die Gabe zur Wandlung. Von der schicken Büromaus bis zur Geisha hat sie so ziemlich alles drauf. Wenn sie Lust hat, geht sie im Sari auf den Markt oder im nepalesischen Festtagskleid im Park spazieren, da kennt sie gar nix. Ihre Outfits sind exotisch, schräg, schreiend, oftmals schlicht unmöglich, aber sie trägt einfach ALLES mit einer natürlich angeborenen Selbstverständlichkeit, die keiner zu kommentieren wagt. Dann wieder reicht ihr Jeans und T-Shirt. Siggi ist so authentisch als ob sie den Begriff erfunden hätte.

In ihren Beziehungen ist Siggi ebenso unkonventionell. Sie liebt Männer und Frauen, lehnt es aber ab, sich als "bi" zu bezeichnen. Sie meint, sie liebt einen Menschen für das was er ist, und da sei es unwichtig, ob das Mann oder Frau sei. Ihre Beziehungen sind geprägt von Respekt und Aufrichtigkeit, trotzdem kann es sein, dass es mehrere gleichzeitig gibt. Ihre Partner kommen damit klar, das sind eben auch nie so sehr konventionelle Menschen. Wenn Siggi älter wäre, würde ich sagen, sie ist eine übrig gebliebene 68erin.

Jetzt wisst Ihr auch, warum sie bei uns in der WG wohnt. Das ist einfach ihre Basis-Station, hier lagert sie ihre Schätze und die Unterlagen ihres Lebens, obwohl sie sich von irdischen Besitztümern weitgehend frei gemacht hat. Mal ist sie nur für ein paar Tage da, mal für ein paar Monate. Wir wissen nie, wann sie kommt oder geht, aber immer, wo sie ist. Im Moment seit 7 Wochen in Indien ;-))
von Anna
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