Wednesday, 19. november 2008
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Siggi. Die fabelhafte Siggi.
Siggi ist sowas wie die Mutter der WG. Sie ist 1986 hier eingezogen, damals in trauter WG mit zwei Freundinnen, die übrigens immer noch häufig zu Besuch kommen, wenn sie mal zuhause ist. Zu der
Zeit bestand unsere WG nur aus der halben Größe, da die beiden Wohnungen noch nicht zusammengelegt waren. Siggi ist ein absoluter Freak. Sie ist 52, ein Alter, in dem "anständige" Frauen ja nicht
mehr unbedingt in einer WG wohnen, wie sie selbst immer sagt. Ich glaub aber nicht, dass sie hier jemals ausziehen wird, jedenfalls nicht freiwillig.
Siggi ist ein absoluter Lebenskünstler. Ihr seht, ich habe nur Superlative für sie. Obwohl ich nicht so leben wollte, bewundere ich sie aus tiefstem Herzen. Siggi ist frei. Sie tut was sie will.
Sie lebt wo sie will, mit wem sie will und wie lange oder kurz sie will. Nur um Missverständnissen vorzugreifen: stets vom eigenen Geld. Siggi geht zwar nicht einem so genannten geregelten
Broterwerb nach, schafft es aber immer wieder auf die abgefahrensten Arten, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Mit Sicherheit hat sie noch nie auf Kosten anderer Leut oder des Staats
gelebt, auch wenn das bestimmt viele annehmen. In finanziellen Belangen ist sie überaus korrekt, während sie sonst schon mal gerne alle fünfe grad sein lässt und sich nicht viel um die Meinungen
Fremder schert.
Siggi hat Archäologie und Geschichte studiert und besitzt einen Doktortitel. Trotzdem kann es sein, dass sie ein halbes Jahr im Schlachthof malocht, wenn sie hier ist und Geld braucht. Sie findet
sowas interessant und meint, schließlich sei nicht jeder so privilegiert, und man müsse auch mal die Arbeit von weniger hoch gebildeten Menschen tun, um ihnen dann wieder mit mehr
Respekt zu begegnen. Nebenbei publiziert sie Fachartikel in Archäologiezeitschriften und wird häufig zitiert. Gelgentlich arbeitet sie an archäologischen Projekten mit, letztes Jahr hat
sie z.B. unentgeltlich 7 Monate in Ägypten gebuddelt und die Basis dort geleitet und verwaltet. Siggi halt...
Siggi hat Freunde überall auf der Welt, was kein Wunder ist. Die schlagen dann gelegentlich hier auf, auch wenn sie nicht zuhause ist. Am Anfang war ich deswegen skeptisch, aber inzwischen weiß
ich, dass Siggi nur Leute schickt, bei denen man bedenkenlos alle Türen offen lassen kann (was ich ja allein schon wegen Ralf - äh pardon: RAVE - nicht mache, aber das ist dann wieder ne andere
Geschichte). Ihre Menschenkenntnis funktioniert intuitiv und unfehlbar. Als Jeff sich hier vorstellte, und ich ihn haben wollte, hat sie nur die Augen verdreht.
Optisch ist Siggi auf den ersten Blick unauffällig. Meistens ungeschminkt, ein eher dürres, hageres Männchen mit vielen Sonnen- und Lachfalten, mehr so der androgyne Typ mit Maushaaren. Ein Foto
von ihr würde man vermutlich unachtsam beiseite legen. Sobald sie spricht, zieht sie aber unweigerlich jeden in ihren Bann. Ihre Stimme ist extrem tief und verraucht (sie raucht nicht), aber sie
produziert sich nicht damit, sondern spricht sogar extrem leise. Sie hat die Gabe zur Wandlung. Von der schicken Büromaus bis zur Geisha hat sie so ziemlich alles drauf. Wenn sie Lust hat, geht sie
im Sari auf den Markt oder im nepalesischen Festtagskleid im Park spazieren, da kennt sie gar nix. Ihre Outfits sind exotisch, schräg, schreiend, oftmals schlicht unmöglich, aber sie trägt einfach
ALLES mit einer natürlich angeborenen Selbstverständlichkeit, die keiner zu kommentieren wagt. Dann wieder reicht ihr Jeans und T-Shirt. Siggi ist so authentisch als ob sie den Begriff erfunden
hätte.
In ihren Beziehungen ist Siggi ebenso unkonventionell. Sie liebt Männer und Frauen, lehnt es aber ab, sich als "bi" zu bezeichnen. Sie meint, sie liebt einen Menschen für das was er ist, und da sei
es unwichtig, ob das Mann oder Frau sei. Ihre Beziehungen sind geprägt von Respekt und Aufrichtigkeit, trotzdem kann es sein, dass es mehrere gleichzeitig gibt. Ihre Partner kommen damit klar, das
sind eben auch nie so sehr konventionelle Menschen. Wenn Siggi älter wäre, würde ich sagen, sie ist eine übrig gebliebene 68erin.
Jetzt wisst Ihr auch, warum sie bei uns in der WG wohnt. Das ist einfach ihre Basis-Station, hier lagert sie ihre Schätze und die Unterlagen ihres Lebens, obwohl sie sich von irdischen Besitztümern
weitgehend frei gemacht hat. Mal ist sie nur für ein paar Tage da, mal für ein paar Monate. Wir wissen nie, wann sie kommt oder geht, aber immer, wo sie ist. Im Moment seit 7 Wochen in Indien ;-))